Harninkontinenz – Was tun bei unkontrolliertem Urinabgang?

Schluss mit dem Tabu Blasenschwäche

Ob Schwimmbadbesuch oder wöchentlicher Einkauf: Eine Harninkontinenz, auch als Blasenschwäche bezeichnet, ist für viele Betroffene mit Einschränkungen in Alltag und Freizeit verbunden. Wenngleich eine Harninkontinenz oftmals mit Schamgefühlen einhergeht, sind Menschen mit einer Blasenschwäche in ihrem Leiden nicht allein. Denn Schätzungen zufolge leiden in Deutschland sechs bis neun Millionen Menschen an einer Harninkontinenz. Doch es gibt Hilfe: Ausgehend von der Art der Inkontinenz und ihrem Schweregrad, lässt sich die Symptomatik mit der richtigen Behandlung und den entsprechenden Inkontinenzhilfsmitteln gut in den Griff bekommen. Wichtig ist es jedoch zunächst, über die Beschwerden zu sprechen und so früh wie möglich einen Arzt/eine Ärztin aufzusuchen.

Was bedeutet Harninkontinenz (Incontinentia Urinae)?

Inkontinenz ist keine Krankheit, sondern ein Symptom einer Erkrankung. Eine Person leidet unter Harninkontinenz (Incontinentia urinae), wenn sie die Fähigkeit verloren hat, Urin bewusst zurückzuhalten. Die Ursachen und Ausprägungen einer Harninkontinenz sind vielfältig. Die Bandbreite reicht von einem leichten Harnträufeln bis hin zum Abgang größerer Urinmengen. Es können sowohl Frauen als auch Männer, jüngere als auch ältere Menschen von dieser Inkontinenzart betroffen sein. Die Häufigkeit von Harninkontinenz steigt mit fortschreitendem Alter. Teilweise leiden Betroffene einer Harninkontinenz zusätzlich unter einer Stuhlinkontinenz.

Die verschiedenen Formen der Harninkontinenz

Die Ursachen für eine Harninkontinenz sind vielfältig: Sie reichen von einer schwachen Beckenbodenmuskulatur (z.B. während oder nach einer Schwangerschaft) bis hin zu Nervenschädigungen. Je nach Ursache und Symptomen werden mehrere Inkontinenzformen voneinander unterschieden:

Die Belastungsinkontinenz ist mit 35 bis 45% die am häufigsten auftretende Inkontinenzform bei Frauen. Auch Männer können unter ihr leiden. Sie wird auch als Stressinkontinenz bezeichnet. Allerdings ist psychischer Stress kein Auslöser für den ungewollten Harnverlust. Auslöser sind vielmehr unterschiedlich starke körperliche Anstrengungen, die zur Druckerhöhung in der Harnblase führen. Eine Störung im Bereich des Harnröhrenverschlusses provoziert dann einen unkontrollierten Urinabgang ohne, dass diesem ein Harndrang vorausgeht.

Unterschieden werden hierbei drei verschiedene Schweregrade – je nachdem, ob es erst bei schweren körperlichen Belastungen, schon bei leichten körperlichen Belastungen oder gar ohne Belastung zu einem unfreiwilligen Urinabgang kommt. So kann etwa bei schwerem Tragen von Gegenständen ungewollter Harnverlust erfolgen. Dies kann aber auch bereits bei Husten, Niesen oder Lachen der Fall sein.

Ursachen einer Stressinkontinenz können unter anderem eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur, schwere körperliche Arbeit, Übergewicht oder Raucherhusten sein. Je nach Ursache können verschiedene therapeutische Maßnahmen und medizinische Behandlungen ergriffen werden, um die Symptome der Inkontinenz zu lindern. 

Bei Männern ist die Dranginkontinenz (Urge Inkontinenz) die vorherrschende Form der Harninkontinenz. Doch auch Frauen können unter dieser leiden. Merkmale für eine Dranginkontinenz sind ein starker Harndrang und ein unwillkürlicher Urinverlust. Obwohl die Blase noch nicht voll ist, zieht sich der Blasenmuskel zusammen und es entsteht ein nicht beherrschbarer Drang, Wasser zu lassen.

Dranginkontinenz kann verschiedene Ursachen haben. So kann es etwa bei Morbus Parkinson oder aufgrund von Entzündungen oder Tumoren zu dieser Inkontinenzform kommen. Eine Dranginkontinenz kann auch zusammen mit einer Belastungsinkontinenz auftreten.

Bei der Behandlung der Dranginkontinenz steht zunächst im Vordergrund, die Erkrankung zu ermitteln, die diese unangenehmen Beschwerden verursacht. Beckenbodentraining, Medikamente, eine Botulinum-A-Toxin-Injektion (Botox) oder operative Methoden können je nach Ursache bei der Behandlung dieser Inkontinenzform zum Einsatz kommen.

Treten gleichzeitig Symptome der Belastungs- und der Dranginkontinenz auf, wird dies als Mischinkontinenz bezeichnet. Betroffene Personen leiden unter unkontrolliertem Urinabgang bei körperlicher Belastung sowie unter häufigem starkem Harndrang.

Alle Ursachen, die einer Belastungsinkontinenz und einer Dranginkontinenz zugrunde liegen können, können zur Mischinkontinenz führen. Besteht bereits eine dieser beiden Inkontinenzformen, kann die jeweils andere Form hinzukommen.

Bei der Therapie der Mischinkontinenz wird zunächst mit der Behandlung der Inkontinenzform begonnen, die stärker ausgeprägt ist. Wenn hierdurch keine Besserung der Beschwerden erzielt werden kann, wird auch die andere Form der Inkontinenz behandelt. Ist die Inkontinenz sehr stark oder sind sowohl die jeweiligen Beschwerden, die auf die Drang- als auch die Belastungsinkontinenz zurückzuführen sind, gleich stark, werden von Therapiebeginn an beide Inkontinenzformen behandelt. Hierbei kommt in der Regel eine Kombination aus Beckenbodentraining und Medikamenten zum Einsatz.

Die Blase von Personen, die unter Reflexinkontinenz leiden, entleert sich reflexartig – meist ohne, dass der Entleerung ein Harndrang vorausgeht. Dies liegt daran, dass der Urinabgang nicht bewusst vom Gehirn gesteuert werden kann. Sowohl Frauen als auch Männer können unter einer Reflexinkontinenz leiden.

Mögliche Ursachen hierfür sind unter anderem Verletzungen des Rückenmarks, wie etwa bei einer Querschnittslähmung, Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Hirnleistungsstörungen, wie etwa bei Demenz oder einem Schlaganfall.

Wird mit der Behandlung einer Reflexinkontinenz begonnen, geht es in erster Linie darum, die Funktionsfähigkeit der Niere zu erhalten und darauf zu achten, dass es regelmäßig zu einer vollständigen Entleerung der Blase kommt. Üblicherweise wird dazu ein Katheter gelegt. Elektrostimulation oder eine Operation sind weitere Behandlungsmaßnahmen, die bei dieser Inkontinenzform ergriffen werden können.

Männer leiden häufiger unter einer Überlaufinkontinenz als Frauen. Personen, die von Überlaufinkontinenz betroffen sind, können ihre Blase beim Wasserlassen nie vollständig entleeren. Sie leiden unter dem häufigen Abgang geringster Urinmengen, dem sogenannten Harnträufeln.

Zu den Ursachen einer Überlaufinkontinenz gehören unter anderem Abflusshindernisse, die zu einem Harnstau führen, wie etwa eine vergrößerte Prostata oder ein Tumor. Eine weitere Ursache kann ein zu schwacher Blasenmuskel sein.

Je nach Ursache eignen sich verschiedene Behandlungsmaßnahmen dazu, die Symptome der Überlaufinkontinenz zu lindern: So sind hier eventuell operative Eingriffe, die Verwendung eines Katheters oder Elektrostimulation notwendig. 

Diese Harninkontinenzform tritt häufig – jedoch nicht ausschließlich – bei Frauen auf. Bei einer extraurethralen Inkontinenz umgeht der Urinabgang die normalen Wege des Harntraktes: Der Harnverlust erfolgt über die Haut, den Anus oder die Scheide.

Ausgelöst wird die extraurethrale Inkontinenz häufig durch Fisteln. Hierbei handelt es sich um krankhafte Verbindungskanäle, zum Beispiel zwischen Harnblase und Bauchhaut. Zu diesen kann es unter anderem durch Operationen oder Geburten kommen. Ebenso ist eine angeborene Fehlbildung der Harnleiter eine mögliche Ursache.

Zur Behandlung der extraurethralen Inkontinenz kann je nach Ursache ein chirurgischer Eingriff vorgenommen werden. Ist keine Operation möglich, können beispielsweise Katheter eingesetzt werden, um den Urin abzuleiten. 

Schweregrade von Harninkontinenz

Unabhängig von Ursachen und Symptomen der Inkontinenz kann die Intensität der Beschwerden unterschiedlich sein. Um die angemessene Auswahl eines Inkontinenzhilfmittels und die richtige Vorgehensweise bei der Behandlung zu ermöglichen, werden die Beschwerden in fünf verschiedene Inkontinenzstufen unterteilt. Diese werden nach der Durchschnittsmenge von Urin, der unkontrolliert innerhalb von vier Stunden ausgeschieden wurde, gegliedert. Die Angabe erfolgt in Millilitern. 

Stärke der Inkontinenz feststellen

Es ist nicht leicht, ein Gefühl für die Menge des unkontrolliert verlorenen Urins zu bekommen. Der Körper eines Menschen kann über den Tag jedoch nicht mehr Flüssigkeit ausscheiden als die jeweilige Person zu sich nimmt. Von Inkontinenz betroffene Personen können sich daher die getrunkene Menge Flüssigkeit notieren, die sie innerhalb von vier Stunden getrunken haben, um eine Orientierungsmöglichkeit zu haben. Dies vereinfacht ihnen unter Umständen die Angabe der unkontrolliert ausgeschiedenen Urinmenge. Obwohl es sich hierbei nur um Richtwerte handelt, können diese bei der Wahl des Inkontinenzproduktes helfen, das am besten für die betroffene Person geeignet ist. Unterschieden werden die folgenden fünf Schweregrade der Inkontinenz:

  • Tröpfchen-Inkontinenz: Innerhalb von vier Stunden kommt es zu einem unkontrollierten Urinverlust von bis zu 50 ml.
  • leichte Inkontinenz: Innerhalb von vier Stunden gehen 50-100 ml Urin unwillkürlich ab. Das entspricht etwa dem Fassungsvermögen eines halbvollen kleinen Bechers.
  • mittlere Inkontinenz: Über den Zeitraum von vier Stunden werden 100-200 ml Urin unkontrolliert ausgeschieden. Das entspricht circa einem vollen kleinen Becher.
  • schwere Inkontinenz: Hierbei kommt es innerhalb von vier Stunden zu einem Urinverlust von 200-300 ml. Das entspricht circa dem Volumen eines großen Bechers.
  • sehr schwere Inkontinenz: Bei diesem Schweregrad beträgt der Urinverlust im Zeitraum von vier Stunden über 300 ml. Das entspricht circa dem Fassungsvermögen eines großen Bechers.

Hilfsmittel bei Inkontinenz

Nachdem der Schweregrad sowie die Ursache der Harninkontinenz ermittelt wurde, kann die Wahl passender Inkontinenzhilfsmittel erfolgen. So verbessern etwa aufsaugende Hilfsmittel, wie Ein- oder Vorlagen, Windeln oder Pants, die Lebensqualität der Betroffenen. Je nach Ursache ist auch die Verwendung ableitender Produkte, wie Katheter und Urinalkondome, möglich.